
Neues Jahr, neue Vorsätze. Vor allem zum Jahreswechsel versuchen wir es mal wieder.
Mehr Disziplin. Bessere Routinen. Endlich dranbleiben. Gesunder, fitter, entspannter.
Und trotzdem sitzen wir jedes Jahr wieder da und fragen uns:
Warum fühlt sich das alles so schwer an – obwohl wir es doch „richtig“ machen wollen? Reicht unsere Willenskraft einfach nicht? Ein Neustart, der irgendwie jedes Jahr zum Scheitern verurteilt ist und jedes Jahr wird es härter sich aufzuraffen und es doch wieder zu versuchen. Muss das so sein oder geht das auch anders?
In einer meiner Lunch-&-Learn-Session N°3 wollten wir genau darüber sprechen: über Routinen, Disziplin und Motivation. Was dann passiert ist, war aufschlussreich – und ehrlich gesagt typisch.
Wir haben es nicht „geschafft“, alle geplanten Übungen und Themen durchzugehen. Nicht, weil die Zeit schlecht geplant war. Sondern weil die Wörter für jeden etwas anderes bedeutet haben und allein der Austausch darüber schon so wertvoll war, das nur der Austausch diese Session gefüllt hat.

Routinen sind nicht neutral und erst recht nicht einfach

Routinen werden meiner Meinung nach oft romantisiert. Als etwas, das Ordnung schafft, Klarheit bringt, den Kopf entlastet. Und ja – das können sie auch.
Aber viel öfter lösen sie bei mir etwas anderes aus: Enge. Schuldgefühle. Das Gefühl, wieder einmal nicht zu funktionieren. Und ganz viel Druck.
In unserer kleinen Lunch & Learn Runde wurde schnell klar: Dasselbe Wort meint für unterschiedliche Menschen völlig unterschiedliche Dinge. Für manche ist eine Routine ein sicherer Rahmen. Für andere fühlt sie sich an wie ein Korsett.
Und genau hier beginnt eine job-crafting-relevante Frage: Nicht „Welche Routine sollte ich haben?“,
sondern „Was wirkt in meinem (Arbeits)Alltag tatsächlich unterstützend für mich persönlich?“
Manchmal reicht es schon, Begriffe auszutauschen.
Routine → Gewohnheit.
Routine → Ritual.
Routine → Struktur.
Nicht als Schönfärberei – sondern als ehrliche Passungsprüfung. Der Duden bringt uns zwei Definitionen von Routine mit, die in gewissem Maße augenöffnend sind, finde ich:
Routine: a) „durch längere Erfahrung erworbene Fähigkeit, eine bestimmte Tätigkeit sehr sicher, schnell und überlegen auszuführen“ oder auch b) „Ausführung einer Tätigkeit, die zur Gewohnheit geworden ist und jedes Engagement vermissen lässt“ Duden [12.01.2026, 13.18 Uhr]
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber soll das, was hier beschrieben wird, wirklich dein Leben bestimmen und besser machen? Klingt das wie etwas, was dein (Neujahrs-)Vorsatz sein sollte? Ich lass dir die Frage einfach mal so da.
Disziplin als Dauerlösung überfordert und wird verherrlicht – meiner Meinung nach

Ein zweites großes Thema war Disziplin. Viele von uns haben gelernt: Wenn etwas nicht klappt, brauchen wir mehr davon. Oder auch sehr bekannt:
„No pain, no gain.“
Mehr Durchhalten.
Mehr Selbstkontrolle.
Mehr Willenskraft.
In der Realität zeigt sich aber oft: Disziplin funktioniert eher wie ein Notfallplan – nicht wie ein Betriebssystem. Sie kann kurzfristig helfen, Dinge über die Ziellinie zu bringen, wenn die Deadline mal wieder unvernünftig nah gekommen ist. Aber Disziplin ist kein guter Zustand für den Dauerbetrieb.
Job Crafting setzt hier an einer anderen Stelle an. Es fragt nicht:
Wie habe ich mich besser im Griff und kann mit Willenskraft und Disziplin länger dranbleiben und durchhalten? Sondern: Welche Rahmenbedingungen helfen mir, ohne mich ständig überwinden zu müssen?
Nicht mehr Disziplin – sondern andere Bedingungen, die Freude machen und das Dranbleiben leichter machen und sich somit nicht nur auf Willenskraft verlassen.
Motivation ist nicht weg – sie ist nur woanders

Ein besonders entlastender Moment in der Session war die Erkenntnis: Motivation verschwindet nicht einfach.
Wenn ich nicht motiviert bin, eine Aufgabe zu erledigen, bin ich vielleicht motiviert für etwas anderes:
Ruhe. Sicherheit. Verbindung. Abstand.
Das Problem ist selten fehlende Motivation. Sondern ein Konflikt zwischen inneren Bedürfnissen und äußeren Anforderungen. Job Crafting fängt damit an, diesen Konflikt ernst zu nehmen. Nicht sofort aufzulösen – aber sichtbar zu machen. Damit man nach und nach die Bedingungen umgestalten kann, um den Konflikt zu verringern.
Denn erst wenn ich verstehe, wofür meine Energie (bzw. Motivation) gerade da ist, kann ich beginnen, Arbeit (egal welche Art von Arbeit) anders zu gestalten und aktiv darauf reagieren, anstatt auf den Kuss der Motivation zu hoffen.
„Motiviert sind wir immer, die Frage ist nur für was.“
„So sollte ich funktionieren“ vs. „So funktioniert es wirklich“
Eine Übung, die wir nur anreißen konnten, hat trotzdem viel ausgelöst.
Sie war simpel – und unbequem:
- Wie sollte ich angeblich funktionieren?
- Wie funktioniere ich tatsächlich, wenn es gut läuft?
Der Abstand zwischen diesen beiden Bildern ist oft schmerzhaft. Einerseits haben wir das, was wir glauben, wie wir funktionieren wollen und anderseits haben wir das, was uns Ratgeber und Gesellschaft vermitteln, wie das mit den Routinen und der Disziplin zu funktionieren hat. Der Unterschied von beidem, zudem wie es bei dir tatsächlich klappt, kann sehr aufschlussreich sein.
Denn genau dort liegt das Rohmaterial für Job Crafting: Nicht im Idealbild von irgendwem (weder dir noch anderen). Sondern im gelebten Alltag.
- Was brauche ich wirklich?
- Welche Bedingungen tragen mich?
- Welche Erwartungen darf ich infrage stellen?
Wenn du die Übungen ausprobieren willst, melde dich gern für meinen Newsletter an und erhalte das Workbook direkt in dein Postfach. Viel Spaß beim Reflektieren und Vorsätzen, die vielleicht dann anders funktionieren. ⬇️
Job Crafting statt neuer Vorsätze
Vielleicht brauchen wir weniger neue Routinen. Und weniger Appelle an unsere Disziplin und Willenskraft. Vielleicht brauchen wir mehr Einsicht darüber, wie neue Routinen sich für uns anfühlen – nicht nur, wie sie aussehen sollten.
Job Crafting ist keine Methode zur Selbstoptimierung. Es ist eine Haltung, die sagt:
- Ich darf meinen (Arbeits-)Alltag und alles was dazu gehört (um)gestalten.
- Ich darf ausprobieren, statt um jeden Preis durchzuhalten.
- Ich darf meine Bedürfnisse ernst nehmen, ohne sie rechtfertigen zu müssen.
Manchmal ist das mutigste Crafting kein großer Umbau. Sondern ein kleines Verschieben der Perspektive (was dann als Cognitive Crafting bezeichnet werden würde).
Weg von: „Ich muss mich ändern.“
Hin zu: „Was darf sich an meiner Umgebung und meinem Umfeld verändern, damit es zu mir passt?“
Ideenreiche Grüße
Antonia



