Aus Hate Gold machen – was ich von Cindy-Adriana Speich als Unternehmerin gelernt habe

Kurz & knapp
Cindy-Adriana Speich saniert ihr Haus selbst, bekommt dafür Hate – und macht daraus ein Geschäft. Ich nehme aus ihrem Buch drei Dinge mit: wie man die Bedeutung der eigenen Arbeit selbst bestimmt, warum Hasskommentare oft reine Abwehr sind und warum wir unsere unfairen Vorteile ohne schlechtes Gewissen nutzen dürfen.

Warum ich dieses Buch gelesen habe

Mit Produktivität hat „Ich bau mir ne Welt, die Männern nicht gefällt“ von Cindy-Adriana Speich auf den ersten Blick nichts zu tun. Es geht um eine Frau, eine Haussanierung in Thüringen und eine Menge Hasskommentare. Gelesen habe ich es trotzdem, und zwar nicht nur als Support, sondern aus einem einfachen Grund: Cindy macht aus Schei** Gold.

Sie saniert ihr Haus selbst, teilt das auf Instagram als @haus_plan_b und bekommt dafür jede Menge Hate. Weil sie eine Frau ist, weil ihr Körper nicht dem gängigen Schönheitsidealen entspricht, weil sie Dinge auf ihrer Baustelle tut, die angeblich reine Männersache sind. Und statt leiser zu werden, hat sie daraus Reichweite, Presse, Merch, Kooperationen und jetzt ein Buch gemacht.

Dazu kommt: Ich habe mich in Cindy wiedererkannt. Sie ist gelernte Friseurin, also keine Handwerkerin im Baustellen-Sinne, verheiratet und Mama. Und sie lebt ländlich, so wie ich hier in Aurich in Ostfriesland. Wer abseits der großen Städte gründet, kennt das Gefühl, dass die Vorbilder meistens woanders sitzen. Cindy zeigt, dass es auch von der hauseigenen Dorfbaustelle aus geht.

Das Buch ist kurzweilig, ich habe es in kurzer Zeit weggelesen. Und es hat mehr mit meinem Thema zu tun, als der Titel vermuten lässt: Es zeigt, wie eine Frau ihre Arbeit nach ihren eigenen Regeln gestaltet und damit Geld verdient.

Cindy baut aus Hate ein Geschäft

Cindys Strategie ist so einfach wie genial. Sie nimmt die Kommentare und macht Videos daraus. Während sie auf der Baustelle arbeitet, liest ein KI-Erzähler ihre sarkastischen, sehr kreativen und humorvollen Skripte vor. Die Kommentatoren werden freundlichst und doch deutlich hopsgenommen, und ganz nebenbei klärt sie über patriarchale Strukturen auf. Nicht hochgestochen, nicht wissenschaftlich, eben einfach sichtbar (mittlerweile für 1,2 Mio Follower).

Mein Lieblingsbeispiel ist ihr Kalender. Im Buch nimmt sie die klassischen Werkstattkalender mit nackten Frauen auseinander und die Doppelmoral dahinter: Frauen sollen aufpassen, wie sie sich anziehen, während in vielen Werkstätten (und nicht nur dort) ganz selbstverständlich nackte vor allem weibliche Haut an der Wand hängt (also als Foto, nicht in echt… klang jetzt etwas absurder als es eh schon ist). Cindy hat daraus ein Gegenprodukt gemacht. Ihr eigener Kalender, gerne für die Werkstatt, aber auch überall anders.

Wie genau ihr Geschäftsmodell aussieht, verrät das Buch mir jetzt nicht. Sichtbar sind bei Instagram Kooperationen, Merch, der Kalender und das Buch selbst. Was mich daran beeindruckt: Sie hat ihren Kern nie verlassen, so wirkt es jedenfalls auf mich. Sie saniert weiter (hoffentlich bald noch weitere Häuser) und macht Dinge selbst. Verändert hat sie nicht ihre Arbeit, sondern den Rahmen und die Bedeutung, die sie ihr gibt.

In der Job-Crafting-Forschung nennt man das kognitives Crafting: die Art, wie ich über meine Arbeit denke, selbst zu gestalten. Cindy lässt ihre Arbeit nicht von Kommentarspalten definieren. Sie definiert sie selbst, und das Geschäft wächst um diesen Kern herum.

Warum so viele reflexhaft dagegenhalten

Cindy holt das Patriarchat aus der Theorie. Es klinge hochgestochen und weit weg, schreibt sie, spiele sich aber direkt vor der eigenen Haustür ab (S. 17). Und sobald Frauen „zu laut, zu erfolgreich oder zu unabhängig“ werden (S. 20 f.), geht das Gerede los.

Am meisten hat mich als Psychologin eine Stelle aus dem Kapitel „Die Bauleitung“ beschäftigt. Cindy beschreibt, wie praktisch es ist, Dinge einfach in Frage zu stellen: Wer „glaub ich nicht“ sagt, muss nicht darüber nachdenken, ob es vielleicht doch stimmt, und muss sein eigenes Denken nicht neu sortieren (S. 27).

Kurz erklärt:
In der Psychologie hat dieser Mechanismus einen Namen: kognitive Dissonanz. Wenn etwas nicht zu unserem Weltbild passt, entsteht ein unangenehmer Spannungszustand. Den können wir auflösen, indem wir unser Weltbild anpassen. Oder, deutlich bequemer, indem wir die Information abwerten. Viele Hasskommentare sind genau das: der schnellste Weg, sich nicht mit einer Frau beschäftigen zu müssen, die das eigene Bild von „Männersache“ ins Wanken bringt.

Erfahrungsbericht statt Ratgeber

Man könnte meinen, so eine Erfolgsgeschichte setzt unter Druck. Millionen Menschen schauen zu, Presse, Buch, Erfolg. Bei mir ist das Gegenteil passiert, und ich glaube, das liegt daran, was dieses Buch nicht ist: ein Ratgeber.

Cindy erklärt nirgends, wie man es ihr nachmachen soll. Sie erzählt, was sie erlebt hat und was sie darüber denkt. Ich habe mich in keiner Zeile belehrt gefühlt und nie den Eindruck gehabt, ich müsse das jetzt nur auf mein Leben anwenden, damit ich das auch kann. Genau das unterscheidet ihr Buch von den meisten Produktivitätsbüchern, die ich kenne.

„Mir und auch der Generation meiner Mutter wurde diese Arbeitsschallplatte von Anfang an ins Hirn geprügelt. Funktionieren, arbeiten, durchziehen. Möglichst keine Schwäche zeigen und bitte nebenbei noch Kinder großziehen und den Haushalt machen.“
– Cindy-Adriana Speich, S. 64

Als Nachwendekind kenne ich diese Platte. Und ich mag ihre Antwort darauf: Vielleicht liegt die eigentliche Stärke darin zuzugeben, dass dieses Alles-gleichzeitig auf Dauer niemand aushält (S. 65).

„Vielleicht reicht es schon, wenn man aufhört, sich permanent selbst fertig zu machen für etwas, das einfach nur da ist.“
– Cindy-Adriana Speich, S. 138

Im Kapitel über ihren Körper schreibt sie, es gehe gar nicht darum, sich jeden Tag toll zu finden. Vielleicht reiche es, aufzuhören, „sich permanent selbst fertig zu machen für etwas, das einfach nur da ist“. Cindy meint ihren Körper. Ich lese den Satz über Neurodivergenz, und er passt genauso. Das ist für mich der Kern von Arbeitsgestaltung statt Selbstoptimierung: nicht sich selbst reparieren, sondern die Bedingungen so gestalten, dass das, was da ist, funktionieren darf.

Unfaire Vorteile nutzen

Eine unscheinbare Stelle habe ich trotzdem markiert. Als Cindy ihr Haus verputzen will, lässt sie sich den Ablauf von ihrem Vater erklären, der vor vielen Jahren selbst eine Ausbildung zum Verputzer gemacht hat (S. 175).

Für eine gelernte Friseurin ist das ein unfairer Vorteil, und das meine ich ausdrücklich positiv. Die Idee stammt aus dem Buch „The Unfair Advantage“ von Ash Ali und Hasan Kubba, bekannt gemacht unter anderem durch Ali Abdaal: Jeder bringt eigene Voraussetzungen mit, und es ist klüger, sie bewusst zu nutzen, als so zu tun, als wäre Erfolg eine reine Willensfrage.

Ich finde das besonders wichtig für alle, die ohnehin strukturelle Nachteile haben. Als Mutter, als Frau, als neurodivergente Person darf ich jeden Vorteil nutzen, den ich habe, ohne mich dafür zu rechtfertigen.

Meine eigenen unfairen Vorteile? Ich bin weiß. Ich konnte Psychologie studieren und habe einen Gründungszuschuss bekommen. Ich habe einen Mann, der mich unterstützt, auch finanziell. Ich bin intelligent, und ich hatte in meiner Jugend Familie, die mir Stabilität gegeben und mich bedingungslos geliebt hat.

Mittlerweile zähle ich sogar meine Neurodivergenz dazu. Sie macht meinen Alltag oft schwerer. Aber ich habe Strukturen gefunden, die funktionieren, und sie gibt mir den Blick, Dinge zu hinterfragen und laut zu werden. Dass ich heute Instructional Designerin, Psychologin und systemische Coachin bin, ein Buch schreibe und meine Selbstständigkeit trägt, ist Arbeit. Es ist aber auch Glück und Privileg.

Was ich mitnehme

Cindys Art von Erfolg ist nicht meine. Ich saniere keine Häuser, und so viel Hate würde ich vermutlich auch nicht auslösen. Aber dass so ein Erfolg möglich ist, macht mir Mut und inspiriert mich.

Vor allem nehme ich eine Haltung mit: Ich werde in dieser Welt nicht nur geduldet. Ich darf mit größerer Selbstverständlichkeit darin existieren, als ich es bisher tat. Nicht nur als Mama, als neurodivergente Person, als Nachwendekind oder als weiblich gelesene Person, sondern auch als Unternehmerin.

Die Strukturen werden nicht verschwinden, nur weil sie mich stören. Ich muss aber nicht an ihnen verzweifeln. Ich kann sie als das nehmen, was sie sind, und drumherum gestalten, was für mich möglich ist und zu mir passt. Mein Jahresmotto für 2027 heißt Ask. Claim. Offer., also fragen, beanspruchen, anbieten. Cindy hat mir gezeigt, wie das aussehen kann, wenn man es ernst meint.

Zitatgrafik von Antonia Ludwig auf cremefarbenem Hintergrund: „Wenn wir zu viel für diese Gesellschaft sind, zu laut, zu wenig Standard, zu wenig normal, dann ist vielleicht die Gesellschaft zu wenig für uns.“ Die Worte „zu viel“ und „wenig“ sind orange unterstrichen, daneben ein gezeichneter Bleistift.

Und dann ist da noch dieser Satz von ihr, der mir nicht aus dem Kopf geht: Bist du zu viel, ist er zu wenig. Ich würde ihn erweitern. Wenn wir zu viel für diese Gesellschaft sind, zu laut, zu wenig Standard, zu wenig normal, dann ist vielleicht die Gesellschaft zu wenig für uns. Das gilt für alle, die nicht in die Norm passen.

Cindy-Adriana Speich: Ich bau mir ne Welt, die Männern nicht gefällt. Eine Frau. Eine Baustelle. Ein brennendes Patriarchat. dtv. Auf Instagram: @haus_plan_b

Ideenreiche Grüße
Antonia

Illustration von ‚Frau Idee‘: Eine stilisierte Person mit Brille und gelbem Pullover steht seitlich und zeigt auf eine große leuchtende Glühbirne, in der ein abstrahiertes Gehirn dargestellt ist.

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Nicht noch ein Produktivitätsratgeber...

 Doch! Und zwar darüber warum die übliche „Tu-Dies-lass-Jenes“-Literatur bei mir mehrfach wirkungslos verpufft ist.

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