Ein Beitrag zur Blogparade „Zeig deinen Projektfriedhof“ von Alexandra Bohlmann
Ich habe fünf Minuten gebraucht, um die folgende Liste zu schreiben. Fünf Minuten, um zwanzig angefangene, halb fertige oder komplett begrabene Projekte aufzuzählen. Kein Rechtfertigen, kein Sortieren – einfach raus damit.
Und dann habe ich sie noch mal 30 min überarbeitet und es hörte nicht mehr auf…
Der Friedhof
Content-Kanäle, die eingeschlafen sind: eine LinkedIn-Kontaktliste mit Kommentarplan, 19 Entwürfe für Blogartikel in WordPress, ein YouTube-Kanal mit zwei Videos, ein Podcast mit drei Folgen, ein Steady-Kanal, den ich zwei Jahre lang bespielt und dann begraben habe. Instagram poste ich auch schon länger nicht mehr. TikTok gestartet und wieder sein gelassen. Threads ausprobiert.
Ich weiß gar nicht, ob man alles davon als Friedhof bezeichnen könnte und doch stimmt es wohl irgendwie. Das passiert mit Projekten, die ich einfach mal ausprobiere 🫣 meistens sterben sie.
Business–Formate, die an der Organisation gestorben sind: ein Speed-Crafting-Workshop aus dem Januar, ein Lunch & Learn, das ich nach einem halben Jahr sein gelassen habe – nicht weil die Idee schlecht war, sondern weil das administrative Drumherum einfach nicht umsetzen konnte. Ein BeCoach-Lernpfad, nie weiterverfolgt, das Angebot (bisher) nicht umgesetzt.
Kurse, angefangen und liegen gelassen: die Summer Blogging School, bei der ich mich frisch angemeldet und dann nicht mitgemacht habe. Ein Skillshare-Kurs Katalog, in dessen Fortschrittsliste ich lieber gar nicht erst reinschaue (und doch jedes Jahr wieder bezahle – ich brauche das noch!).
Und dann die DIY Projekte: der Stuhl einer Nachbarin, der noch auf seine Bemalung wartet. Meine Bücherecke, die seit Monaten „bald“ fertig wird. Die Küchenfliesen, die ich schablonieren werde – irgendwann. Drei Korbhocker, der immerhin schon neue Kissen hat, aber noch nicht lackiert ist. Und an der Wand hängen seit Monaten 12 von 100 Sechsecke für ein Aquarell-Projekt (wir winken rüber zu Skillshare).
Ach ja, und 20.000 ungelesene E-Mails. Zählt das auch als Projekt? Ich fürchte, ja. Von meinem SuB (Stapel ungelesener Bücher) fange ich gar nicht erst an. Nein, nein.
Das Muster
Auf den ersten Blick sieht das aus wie ein einziges großes Motivationsproblem. Jedenfalls hab ich mir selbst lang genug erzählt: Nie mache ich was fertig, zieh auch mal durch… Andauernd fange ich was Neues an bevor die anderen Dinge fertig sind.
Genau so hätte ich die Liste vor ein paar Jahren auch gelesen – als Beweis dafür, dass ich nicht durchhalte, nicht diszipliniert genug bin, zu viele Dinge gleichzeitig anfange.
Aber wenn ich mich traue genauer hinzuschauen, zerfällt der Friedhof in zwei ziemlich unterschiedliche Sorten von Gräbern.
Formate im Dauerbetrieb
Ein Podcast lebt nicht von einer guten Folge, sondern davon, dass immer wieder eine neue kommt. Gleiches gilt für YouTube, für Steady, für regelmäßiges Posten auf Insta oder LinkedIn-Kommentare nach Plan. Diese Formate verlangen nicht Kreativität in einem Moment, sondern laufende Aufmerksamkeit über Monate.
Und genau das ist die Ressource, die bei mir mit zwei Kindern und einer Selbstständigkeit, die selbst schon aus lauter Baustellen besteht, strukturell knapp ist. Nicht willentlich knapp – strukturell. Ehrlicherweise auch die Art von Aufgabe, auf die mein Hirn nicht ausgerichtet ist.
Formate mit einem Admin-Layer, der größer ist als die eigentliche Idee.
Das Lunch & Learn ist das deutlichste Beispiel. Die Idee war gut, die Leute kamen gern – aber die Terminfindung, die Erinnerungen, das ewige Nachfassen haben mehr Energie gefressen als die eigentliche Session. Das ist kein Motivationsproblem. Das ist ein Format, das falsch gebaut war für meinen Alltag, meine Arbeitsweise und mein Hirn.
Und dann die DIY-Projekte. Die stehen auf dem Friedhof, klar – aber anders als die Content-Formate sind sie keine echten Verpflichtungen. Niemand wartet auf die nächste Folge meines Stuhl-Bemalens. 12 von 100 Sechsecken sind kein Scheitern, das ist ein Projekt, das in Häppchen existiert, die ich nehmen kann, wann Zeit ist – das ist genau genommen weniger ein Friedhof als ein (Langzeit-)Parkplatz. 😜
Die These, die daraus für mich folgt: Es ist kein Charakterfehler, laufende Formate nicht durchzuhalten, wenn die Struktur drumherum nicht zu meinem Leben passt. Es ist ein Formatproblem, kein Persönlichkeitsproblem.
Was ich daraus mitnehme
Statt der üblichen „10 Tipps für mehr Produktivität“ ein paar Dinge, die ich für mich mitnehme – nicht als Selbstoptimierung, sondern als Arbeitsgestaltung:
Format vor Disziplin fragen. Bevor ich wieder etwas Neues starte, will ich mir ehrlich beantworten: Verlangt das Dauerbetrieb? Und wenn ja – habe ich dafür wirklich laufend Zeit, oder nur gerade jetzt, im Enthusiasmus des Anfangs?
Den Admin-Layer sichtbar machen, bevor er mich auffrisst. Beim Lunch & Learn hätte ich früher merken können, dass nicht das Format das Problem war, sondern die Orga drumherum – und dass ich die entweder delegieren oder radikal vereinfachen muss, bevor ich überhaupt starte. Ich bedenke das für den Relaunch!
Der Friedhof darf ein Rohstofflager sein, kein Schuldberg. Nicht jedes liegen gebliebene Projekt muss reaktiviert werden. Manches darf einfach da liegen bleiben, ohne dass ich mir das ständig vorhalte und den Boden nähren für das nächste.
Energie-Realismus vor dem Start, nicht danach. Care-Arbeit, Selbstständigkeit, der ganz normale Alltag – das ist die Kapazität, mit der ich rechnen muss, bevor ich ein neues Dauerformat anfange. Nicht erst, wenn ich schon mittendrin merke, dass es nicht passt.
Am Ende ist die Frage nicht „was schaffe ich nicht“, sondern: Was sagt mein Projektfriedhof eigentlich über die Formate, die zu mir passen – und über die, die es nie tun werden, egal wie diszipliniert ich bin?
Es tat gut, mir das mal ganz urteilsfrei anzuschauen. Ich wusste, das es viel ist und immer sein wird, aber die Muster dahinter zu erkennen war sehr erhellend.
Ideenreiche Grüße
Antonia
Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade „Zeig deinen Projektfriedhof“ von Alexandra Bohlmann.



