Wenn der Produktivitäts-Experte zum ersten Mal einen Monat lang selbst die Care-Arbeit macht

Ali Abdaal ist Papa geworden und seit dem ich das weiß, warte ich auf den Moment, in dem er darüber schreibt, wie das seine Sicht auf das Thema Produktivität verändert hat. Diese Woche war es soweit! In seinem Newsletter teilt er eine ziemlich ehrliche Liste seiner Erkenntnisse. Ich gebe zu, diese zu lesen war seltsam befriedigend.

10 – I really don’t know how parents do it…
11 – If I had kids while trying to get my business off the ground, I would’ve found it infinitely harder than I actually did.“

Ali Abdaal | 14 Things I Learned Without a Nanny (Newsletter 2026)

Ich hab die Liste mehrmals gelesen. Und werde sie wohl immer wieder lesen, wenn ich das Gefühl habe nicht genug geschafft zu haben. Denn diese Erkenntnisse von einem Experten, der eigentlich für „es gibt ein System für alles“ steht, sind irgendwie beruhigend.

Sein zentraler Punkt: Ein Baby zu versorgen sei grundsätzlich nicht kognitiv fordernd — wickeln, füttern, beschäftigen, schlafen legen, von vorne — aber trotzdem erschöpfender als vierzehn Stunden Business-Grind. Das ist keine neue Erkenntnis für Eltern. Aber es ist eine bemerkenswerte Erkenntnis für jemanden, dessen ganze Karriere auf der Annahme beruht, dass Erschöpfung proportional zur kognitiven Schwierigkeit einer Aufgabe ist.

Genau da bricht die klassische Produktivitäts-Logik in sich zusammen. Deep Work, Zeitblöcke, das perfekte System… all das ist für eine Art von Anstrengung gebaut, die mit Konzentration und Output zu tun hat. Care-Arbeit ist eine andere Kategorie von Anstrengung: niedrige kognitive Last, aber ständige Unterbrechbarkeit, keine Pausen, kein „flow“, kein Output und vor allem kein Gehalt bzw. Umsatz, der dabei generiert würde. Für Care-Arbeit gibt es kein Produktivitätssystem, das man einfach draufsetzen kann.

Ali Abdaal beschreibt einen inneren Konflikt, den ich für den eigentlichen Kern des ganzen Textes halte: das Gefühl, dass man eigentlich die Zeit mit dem Kind genießen „sollte“ (schließlich ist es nur kurz so klein), aber gleichzeitig lieber am Laptop wäre. Und die Frage, die daraus entsteht: Macht ihn das zu einem schlechten Vater?

Das ist wieder kein Zeitmanagement-Problem. Das ist ein Konflikt zwischen zwei Identitäten, die beide legitim sind: der Vater, der präsent sein will, und der Mensch, der sich seit jeher über sinnstiftende, eigenständige Arbeit definiert. Die übliche Antwort auf sowas („priorisier doch einfach“, „sei mal ganz im Moment“) tut so, als wäre das lösbar, indem man sich mehr anstrengt oder es „richtig“ macht. Meiner Meinung nach lässt sich dieser Rollenkonflikt nicht wegoptimieren. Doch er lässt sich bewusst gestalten: Wann darf welche Rolle Raum haben, ohne dass die andere dabei schlecht gemacht oder ignoriert wird.

Was ich an der Liste auch bemerkenswert finde: Abdaal spricht offen aus, dass Großeltern-Hilfe und bezahlte Kinderbetreuung einen enormen Unterschied machen — und dass er selbst durch sein Business die Flexibilität und die finanziellen Mittel hat, sich das auszusuchen. Er hat den Monat ohne Unterstützung bewusst als Experiment gewählt, nicht aus Notwendigkeit. Manch einer mag hier den Impuls haben, ihn dafür zu beschimpfen: „Schämt er sich nicht, seine privilegierte Sichtweise so rauszuposaunen?“ Ich kann da nicht einstimmen. Ich finde es sehr bewundernswert, diese Privilegien sichtbar zu machen und deutlich herauszustellen — für alle, die sie haben, und für alle, die sie nicht haben.

Denn es geht hier um ein Privileg, das die meisten Eltern nicht haben. Und es lohnt sich, das offen zu benennen, statt seine vierzehn Punkte als allgemeingültige „So ist Elternschaft“-Wahrheit zu lesen. Seine Erschöpfung ist echt. Aber sie ist die Erschöpfung von jemandem, der weiß, dass er jederzeit wieder aussteigen kann. An der ursächlichen Struktur kann auch ein Ali Abdaal nichts ändern — aber es hilft, sie sichtbar zu machen und sie nachzuempfinden.

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Genau hier setzt für mich der Unterschied zwischen Selbstoptimierung und Arbeitsgestaltung an. Selbstoptimierung fragt: Wie kriege ich mehr aus mir raus, wie werde ich effizienter, wie halte ich trotz Erschöpfung durch? Arbeitsgestaltung fragt etwas anderes: Welche Aufgaben, welche Beziehungen, welcher Sinn stehen mir gerade zur Verfügung, und wie ordne ich die neu, wenn eine ganz neue Rolle (Elternschaft) dazukommt, die sich nicht in die alten Kategorien pressen lässt? Wie gestalte ich Rollen, in denen es nicht um Optimierung geht?

Ich persönlich versuche immer noch, meine innere Leistungsuhr von der 8-Stunden-Tag-Logik wegzubringen — und diese gilt schon seit 2019 nicht mehr für mich. Diese Logik ergibt auf keiner Ebene für mich Sinn. Weder als Mama, noch als Selbstständige, noch als Person, die sich der neurodivergenten Community zugehörig fühlt.

So schwer es auch ist, von der Gewohnheit abzulassen, seinen Wert an seinen — sagen wir mal betriebswirtschaftlichen — Output zu knüpfen, so sehr lohnt es sich eben auch, es zu versuchen. Warum? Weil es für mich in mehr Gelassenheit und Lebensfreude mündet. Dafür musste ich für mich Produktivität neu definieren (unter anderem, indem ich ein Buch darüber schreibe: „Produktivität funktioniert (für mich) nicht“).

Hilfreich ist auch, sich auf den Weg und nicht das Ziel/den Output zu konzentrieren. Also auf die Frage, wie ich meine Aufgaben, meine Beziehungen und meine Einstellungen gestalten kann, sodass ich mehr Freude nicht nur am Erwerbsarbeiten habe, sondern auch in meinen anderen Rollen.

Ali Abdaals ehrlichste Zeile ist vermutlich die zehnte: Er weiß wirklich nicht, wie andere Eltern das ohne seine Ressourcen schaffen. Das ist eine gute Frage. Und die Antwort liegt nicht in einem besseren persönlichem System, sondern darin, anzuerkennen, dass Erschöpfung durch Care-Arbeit real ist, dass Rollenkonflikte nicht durch mehr Disziplin verschwinden — und dass Arbeitsgestaltung, nicht Selbstoptimierung, der Rahmen ist, der das aushält, solange sich an den gesellschaftlichen Strukturen nichts ändert und Care-Arbeit und Kinder mehr wertgeschätzt werden.

13 – Life this past month has been pretty exhausting… and we’ve just got the one kid AND had a bunch of support from the grandparents! How much more tiring would it have been if we’d had multiple kids? Or if we didn’t have the grandparents helping out? I shudder at the thought.“

Ali Abdaal | 14 Things I Learned Without a Nanny (Newsletter 2026)

Sollte Ali Abdaal sich seiner Privilegien schämen oder freuen wir uns über die Erkenntnisse, die er nach nur einem Monat ohne Nanny mit uns und der Welt teilt?

Ideenreiche Grüße
Antonia

Illustration von ‚Frau Idee‘: Eine stilisierte Person mit Brille und gelbem Pullover steht seitlich und zeigt auf eine große leuchtende Glühbirne, in der ein abstrahiertes Gehirn dargestellt ist.

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Nicht noch ein Produktivitätsratgeber...

 Doch! Und zwar darüber warum die übliche „Tu-Dies-lass-Jenes“-Literatur bei mir mehrfach wirkungslos verpufft ist.

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