Fifty-Fifty ist zu kurz gedacht: Wie wollt ihr eigentlich Familie leben?

Ein Gastartikel von Ulrike Wolf.

Und schwupps, auf einmal hat man Familie. Nee, wahrscheinlich eher nicht.

Fakt ist doch: Du kommst von irgendwo und du gehst irgendwo hin. Und irgendwann in deinem Leben hast du einen Menschen getroffen, mit dem du beschlossen hast, eine Familie zu gründen. Und dann steht sie im Raum, diese spannende Frage:

Was für eine Familie wollte ihr gemeinsam gestalten?

Auch dein Partner ist nicht einfach so auf die Welt gepurzelt, sondern hat eine Form von Familie „mitbekommen“. Und jetzt wird es interessant: Was macht ihr beide daraus? Aus dem, was ihr aus eurer Vergangenheit mitgebracht habt. Wo geht ihr hin?

Habt ihr sehr ähnliche Erfahrungen gemacht und möchtet sie genauso weiterführen? Oder habt ihr gegensätzliche Erfahrungen gemacht und diskutiert nun darüber, ob es linksrum oder rechtsrum geht?

Vielleicht gibt es ja aber auch eine dritte Variante: Warum Familie nicht mal ganz anders angehen und zwar genau so, wie es euch entspricht?

Die Bilder in unserem Kopf

Wenn wir über Familie sprechen, begegnen uns schnell ganz bestimmte Vorstellungen

Zum Beispiel dieses Bilderbuch-Klischee: Mama, Papa, Kind – oder vielleicht zwei oder drei. Irgendwie sieht alles nach Bullerbü aus. Alle sind happy und glücklich. Und ganz stereotyp ist vielleicht auch schon vorgesehen, dass der Mann der Hauptverdiener ist und die Frau sich eher um das Häusliche kümmert.

Vielleicht habt ihr die Rollen aber komplett umgedreht. Oder ihr seid gerade auf der Suche danach, wie man Rollen neu verteilen kann.

Das, worüber am häufigsten gesprochen wird, ist die Aufteilung von Lohn- und Care-Arbeit. Und das ist total gut. Es ist großartig, dass wir diese Diskussion mittlerweile führen – und nicht einfach nur hinnehmen: „Das ist halt so.“ Nein. Wir können etwas verändern.

Aber wenn wir nur darüber sprechen, wer wie viele Stunden in Lohnarbeit geht und wer wie viele Stunden Care-Arbeit übernimmt, dann denken wir Familie viel zu kurz.

Was passiert, wenn sich das Gleichgewicht verschiebt?

Viele Paare starten gleichwertig und auf Augenhöhe in eine Beziehung. Beide haben einen Job. Beide verdienen Geld.

Und was verändert sich, wenn aufgrund von Kindern einer von euch auf einmal auf einen Teil seines Einkommens verzichtet? Beeinflusst das eure Beziehung? Und wenn ja: wie?

Ist das etwas, das ihr kompensieren wollt?

Man kann über Ausgleichszahlungen sprechen, über eine faire Verteilung von Care-Stunden oder über bewusst eingeplante Me-Time. Aber vielleicht passen die Lösungen anderer Paare gar nicht zu euch, weil eure Werte andere sind.

Ausgleichszahlungen – was bedeutet das eigentlich?

Wer weniger verdient, verliert schnell finanzielle Freiheit. Ausgleichszahlungen können das verändern. Konkret heißt das: Der Elternteil mit höherem Einkommen gibt einen Teil davon an den anderen ab. 
Solche Modelle können ganz unterschiedlich aussehen: ein monatlicher fester Betrag oder ein gemeinsames Konto mit gleichberechtigtem Zugriff. Wichtig ist, dass ihr eine Lösung findet, die sich für euch fair anfühlt und die eure gemeinsame Verantwortung widerspiegelt.

Wie wir Beziehung gestalten, hängt stark von unseren Einstellungen und Werten ab. 

Zum Beispiel: Ein Paar sagt: „Wir wirtschaften sowieso gemeinsam, das Geld gehört uns beiden.“ Für sie steht das „Wir“ im Vordergrund, finanzielle Unterschiede spielen keine große Rolle.

Ein anderes Paar legt Wert auf finanzielle Eigenständigkeit und vereinbart bewusst einen Ausgleich, damit beide unabhängig bleiben.

Oder: Einer von euch denkt: „Wer mehr verdient, trägt eben mehr bei.“, während beim anderen der Gedanke „Care-Arbeit ist genauso viel wert wie mein Gehalt.“ vorherrscht. Aus euren unterschiedlichen Perspektiven kann ein gemeinsames Modell von Fairness entstehen.

Und genau hier wird es spannend: Was sich für euch richtig und fair anfühlt, muss nicht automatisch „gleich“ sein. 

Fifty-Fifty ist nicht automatisch fair

Macht es euer Leben wirklich besser, wenn ihr die Zubereitung der Mahlzeiten exakt aufteilt obwohl einer von euch so gar keine Lust auf Kochen hat?

Vielleicht hätte der andere sogar Freude daran, diese Aufgabe komplett zu übernehmen. Stattdessen wird sie „gerecht“ geteilt und am Ende esst ihr etwas, das wahrscheinlich mit wenig Liebe gekocht wurde und auch nur so mittelgut schmeckt.

Fühlt sich für mich eher nach einer Lose-Lose- als nach einer Win-Win-Situation an. Blind alles fifty-fifty aufzuteilen, führt oft in eine Sackgasse. Denn eine solche Aufteilung berücksichtigt nicht eure individuellen Stärken und Talente.

Gegensätze sind kein Problem, wenn man sie nutzt

Ich bin mir ziemlich sicher: Du und dein(e) Partner(in) seid nicht gleich. Oft suchen wir uns – bewusst oder unbewusst – Menschen, die unsere Schwächen ausgleichen. Wenn wir eher introvertiert sind, dann wählen wir vielleicht einen Partner, dem es leicht gelingt, mit anderen in Kontakt zu treten. Vielleicht fühlen wir uns genau deswegen von ihm auch angezogen.

Diese Gegensätzlichkeit zeigt sich auf vielen Ebenen. Am Anfang einer Beziehung sorgt sie oft für Würze. Später kann es passieren, dass man sich an ihr abarbeitet. Dabei wäre das gar nicht nötig, wenn ihr eure Familie so gestaltet, dass sie euch beiden entspricht. Und dazu gehört eben auch, eure jeweiligen Talente bewusst einzubeziehen.

Frag deinen Partner oder deine Partnerin doch mal:

  • Welche Aufgaben machst du gerne?
  • Welche fühlen sich für dich leicht an?

Und beantworte sie auch für dich selbst. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr dabei auf ganz unterschiedliche Antworten kommt.

Familie gestalten wie ein gemeinsames Projekt

Für die Frage „Wie wollen wir Familie gestalten?“ könnt ihr euch auch an einer Art Pyramide orientieren – inspiriert vom Gedanken des Job Crafting:

Die Basis der Pyramide seid ihr.
Eure Werte, eure Talente, eure Erfahrungen und Fähigkeiten. Eure Vision von Familie.

Die mittlere Ebene ist eure Beziehung.
Die Beziehung zwischen euch und euren Kindern oder weiteren Menschen in eurem Haushalt.

Die Spitze ist das Sichtbare.
Die konkrete Aufgabenverteilung. Das, was andere sehen: wie ihr euren Alltag organisiert.

Wenn ihr oben anfangt – bei den Aufgaben – ohne die Basis geklärt zu haben, wird es wackelig. Wenn ihr unten beginnt, bei euren Werten und eurer Vision, könnt ihr viel bewusster entscheiden, wie euer Familienleben aussehen soll.

Und das Schöne ist: Es gibt nicht den einen richtigen Weg.

Zum Glück gibt es ihn nicht – den Familien-TÜV. Wo man vorfährt und dann gesagt bekommt, ob man alles „richtig“ macht oder in ein paar Wochen zur Nachkontrolle erscheinen muss. Nein. Es gibt ganz viele verschiedene und wunderbare Arten, Familie zu leben.

Der erste Schritt ist, sich bewusst von den Klischees zu verabschieden, die irgendwann in unseren Köpfen gelandet sind. Und stattdessen ehrlich hinzuschauen:

  • Was ist mir wirklich wichtig?
  • Welche Werte möchte ich leben?
  • Wie möchte ich die Beziehung zu meinem Partner bzw. meiner Partnerin gestalten?

Wenn du diese Fragen für dich beantwortet hast, könnt ihr gemeinsam an die nächste Ebene gehen: die konkrete Verteilung von Aufgaben und Verantwortung. Das, was nach außen sichtbar ist.

Ich wünsche dir viel Spaß dabei.
Ulrike Wolf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Teilen:

Nicht noch ein Produktivitätsratgeber...

 Doch! Und zwar darüber warum die übliche „Tu-Dies-lass-Jenes“-Literatur bei mir mehrfach wirkungslos verpufft ist.

Weitere Artikel

Speed Job Crafting

Workshop
69
29 Einmaliger Einführungspreis
  • 29.01.2026, 18:30 -21:00 Uhr
  • Schneller, interakiver Ansatz
  • Gestalte deine Arbeit aktiv und passend zu dir
Online

Job Crafting

Workshop, Keynote oder Einzelcoaching

Hier erleben Teams, Mitarbeitende und Unternehmen, wie Job Crafting in der Praxis funktioniert: interaktiv, humorvoll und mit direkt umsetzbaren Impulsen.

Antonia Ludwig bei einer Keynote – nachdenklich sprechend, mit Illustrationen zu Ideenfindung und Kreativität im Hintergrund.

Lust auf eine intellektuelle Mittagspause?

Einmal im Monat biete ich ein online Lunch & Learn Format an, in dem wir uns jedes Mal über einen neuen Aspekt austauschen, wie wir unsere Arbeit passend zu uns gestalten können.
Online

Schreib mir gern!

Nach oben scrollen

Fast da. Nur noch dein Name und deine Mail.

Jeden Freitag. Kein Spam, kein Verkauf. Abmelden jederzeit möglich. Versand über ActiveCampaign, Details in meiner Datenschutzerklärung.

Jeden Freitag ein Impuls für alle, die ihre Arbeit nach ihren Regeln gestalten wollen.